Donnerstag, 25. April 2013

Germany: No, Miss!

Die vergangene Woche war wohl die schwerste Woche, die wir hier in Indien erlebt haben. Das letzte Mal sind wir nach Kattumannar Koil gefahren; sieben Tage, um uns von allen, die Teil unseres Lebens auf dem Dorf waren, zu verabschieden.

Noch ein letztes Mal

Acht Monate weg von zu Hause, von Menschen, die wir lieben, kann sehr schwer sein, besonders wenn man in einem Land lebt, in dem alles irgendwie anders zu sein scheint. Aber in diesen acht Monate haben wir eine neues zu Hause und neue Menschen, die wir lieben, gefunden. Da ist es natürlich besonders schwer zu einem Leben mit diesen Menschen, welches wir jetzt so lange geführt haben, auf Wiedersehen zu sagen.

Die Woche begann für uns mit dem Abschied von den Kinder in der Schule. An drei Tagen haben wir unsere drei verscheidenden Klassen noch einmal gesehen und zum Abschluss Bilderrahmen aus Papier gebastelt, die dann natürlich mit einem Klassenfoto bestückt wurden. Um uns den Abschied noch schwerer zu machen, waren die Kinder besonders brav und zutiefst betroffen, dass wir nun nicht mehr jeden Tag in der Schule sein werden. Wir haben natürlich sehr viel Aufsehen erregt, als wir begleitet von mehr als 20 weinenden Schülern in den Bus zurück zum Office einstiegen. Es war ziemlich traurig die Schule, mit dem Gedanken nicht all zu bald wieder zu kehren, zu verlassen; schon mal ein Vorgeschmack auf die folgenden Tage.




Germany: No, Miss!

Unsere Tutionsclass haben wir natürlich die ganze Woche gesehen. Die letzten Stunden haben wir mit 'Einkaufen' und Papierfliegerwettbewerb verbracht. Wir haben uns die Unterschiede zwischen Groß- und Kleinstädten (auch bekannt als Köln und Beerfelden) angeguckt und Steckbriefe in Wolkenform für die Wand gebastelt. Auch haben die Kinder ihre eigenen Bilderrahmen vorbereitet und gestaltet, die gab es dann von uns fertig präpariert mit Bildern der Klasse und einem Einzelfoto am letzten Tag.



Diese Stunde wollten wir eigentlich mit Geschenken von Fotos und Süßem und vielen Spielen ausklingen lassen, allerdings endete unser Versuch frühzeitig mit vielen Tränen und den Worten:'Germany: No, Miss', die uns immer noch in den Ohren nachklingen.



Obwohl wir die Kinder nach dem Wochenende noch einmal zu einer, vom Staff organisierten Abschieds-Function gesehen haben, war diese letzte Stunde eigentlich schon der wahre Abschied von den Kindern, die uns so sehr ans Herz gewachsen sind.


Die Kinder haben uns mit ihrem Lachen und Getanze und ihrer Art uns ausführlich etwas auf Tamil zu erklären verzaubert und es ist kaum in Worte zu fassen, wie viel uns diese Kinder bedeuten, wie sehr sie uns berührt haben und wie schwer uns der Abschied gefallen ist (uns immer noch fällt).






Wir werden diese Kinder nie vergessen, die uns so viele tolle und schöne (und ja, auch manchmal kopfzerbrechende) Stunden bereitet haben. Jedes einzelne Kind ist etwas ganz Besonderes.


'Kurz ist der Abschied für die lange Freundschaft'

Nach dem Abschied von den 'Kleine', kam bald natürlich auch noch der Abschied von den 'Großen', also dem Staff in Kattumannar Koil und insbesondere von Vijaya und Hari, die praktisch unsere Familie für die letzten acht Monate waren. Und dieser Abschied war tatsächlich kurz; bis zum Auto, das uns nach Pondicherry bringen sollte, kamen das Officestaff, um uns zu verabschieden und dann waren wir auch schon unterwegs. Weg von unseren zwei kleinen Zimmern; weg von Vijayas Essen und der Rundumbetreuung aller Staffmitglieder.





Auch in den nächsten Tage müssen wir uns von tollen Menschen verabschieden, denn auch hier in Pondicherry sind Menschen, die zu unserem indischen zu Hause gehören! Wieder keine leichte Aufgabe.


Wie sagt man dem zu Hause der letzten acht Monate auf Wiedersehen?
Das ist anders als Deutschland Tschüss zu sagen, von dem man ja weiß, wann man es wieder sieht. Das ist hier anders. Menschen auf unbestimmt Zeit zu verabschieden, die man kennen und lieben gelernt hat, ist so unglaublich viel schwerer. Wir können uns gar nicht genügend bedanken oder genügend Umarmungen verteilen, die annähernd der Gastfreundschaft und Unterstützung gerecht werden, die wir hier erlebt haben.


Die wunderbaren Menschen, die wir hier getroffen haben, machen diese Zeit so unvergesslich und einzigartig: Danke...Thank you...Nandri 




>>Differnce of habit and language are nothing at all if our aims are identical and our hearts are open<<

Mittwoch, 24. April 2013

Das schönste Klassenzimmer in Tamil Nadu

Als wir vor gut sieben Monaten zum ersten Mal unsere Tutions Class besucht haben, hat uns neben den 30 bezaubernden Kindern vor allem eines erwartet... einer großer grauer trostloser Klassenraum.
Größtenteils lag das wohl daran, dass das Gebäude noch nicht fertig gestellt ist, welches demnächst das neue Schulgebäude für unsere Kinder werden soll.


Mit unseren ersten Aktionen - zum Beispiel unserem großen Alphabet oder selbstgemalten Bildern - haben wir versucht die Tristesse ein wenig zu durch brechen. Schöner wurde es auf jeden Fall, aber so wirklich zufrieden waren wir noch nicht.




Painting the Tutions Class 

So haben wir uns dazu entschlossen eine etwas größere Umgestaltung vorzunehmen und die Farbpinsel zu schwingen!


Einen ganzen Samstag haben wir den Klassenraum, mit großer Hilfe unsere Tutions Class Lehrerin, gestrichen. Zwar gab es auch ein paar Hürden, denen wir uns annehmen mussten, aber am Ende waren wir doch sehr zufrieden mit dem Ergebnis.
Zum Beispiel konnte niemand glauben, dass tatsächlich wir selbst - zwei Mädchen - den Raum streichen würden (und das auch noch recht erfolgreich). Auch wurde so mancher von unserem Tatendrang mitgerissen und hat auch den Pinsel zu Hand genommen, was leider (aufgrund fehlender Vorsicht) zu so manchen kleineren Katastrophen geführt hat, aber im Endeffekt konnten wir fast alles wieder richten.






Und so sieht es jetzt aus

Hier ein kleiner Rundgang in dem neuen Klassenraum unserer Tutions Class:

Der ganze Raum erstrahlt jetzt in einem hellen gelb. Außerdem haben 
alle vier Ecken eine andere Farbe bekommen. 
Wenn wir Gruppenarbeit machen, bekommt jede Gruppe so ihr eigene Farbe und den 
dazugehörigen Platz.


Da der Raum später teil des neuen Schulgebäudes ein wird, haben wir auch für Tafeln gesorgt.
Da es in Indien nicht untypisch ist, dass auch mal mehrere Klassen
in einem Raum sind, gibt es gleich zwei, die an gegenüberliegenden Wänden sind.


Auch unsere Smileys zur Veranschaulichung von den "feelings", die wir mit den Kindern gelernt haben, haben es wieder an die Wand geschafft.


Ebenso das selbst-gebastelte Alphabet.


Aus den Schiffchen, die wir mal mit den Kindern gefaltet haben, haben wir ein Mobilee gemacht.
Das haben wir schließlich an der Decke angebracht.


Jedes Kind hat sich selbst gemalt und wir haben anschließend ihre Namen (auf Englisch) darauf geschrieben. Da viele Kinder ihren Namen nur auf Tamil schreiben können, hilft ihnen das sehr, denn sie wissen ja welches ihr Bild war. Außerdem haben sie viel Spaß daran sich und andere auf den Bildern zu zeigen. (Die Bilder hängen jetzt natürlich auch an einer gelben Wand, das Bild wurde vor dem streichen aufgenommen)


Das ist unser Mülleimer. Da das indische Verständnis von Müllentsorgung doch etwas anders ist, wollten wir wenigstens in unserem Klassenraum etwas ändern. 
Spitzen ab jetzt nur noch über dem Mülleimer, und nach dem Basteln alle Papierreste darein, und nicht aus dem Fenster!


Außerdem verschönert unsere Bordüre aus Händeabdrücken noch weiter die Wände.


Teil unseres täglichen Programms - oder besser eines unserer Rituale - ist der Happy Song. Da uns über zehn Strophen nach einer gewissen Zeit doch zu viel jeden Tag waren, haben wir stellvertretend für jede Strophe ein kleines Bild gemalt, und an einer Wäscheleine befestigt.
Der Silent Fox Minister (sorgt für Ruhe während der Stunde) darf sich fünf Strophen aussuchen und mit einer Wäscheklammer kenntlich machen, damit auch jeder weiß, was er singen muss.


Und damit auch alle wissen, wo Indien und wo Deutschland liegt, gab es am Ende als Geschenk eine große Weltkarte.



Mit Postkarten aus der Heimat.


Wir hoffen, dass die Kinder noch lange Freude an ihrem Klassenraum haben, uns auch noch nachhaltig davon profitieren.


Donnerstag, 4. April 2013

Warum Bildung so wichtig ist

Bildung ist ein Privileg.

Und nirgends wird einem so etwas mehr bewusst, als in der Entwicklungsarbeit.

Acht Monate Englisch in einer Dalit-Gemeinschaft zu unterrichten führt unausweichlich zur Auseinandersetzung mit dem Thema Bildung und dessen Auswirkungen.

Dass jedes Kind in Deutschland in die Schule geht, ist keine Frage. Selbst wenn sich so manch einer fragt, warum er die Schulbank drücken muss und gar nicht nachvollziehen kann, was so wichtig an dieser verzwickten Mathe-Formel sein soll, wird die Notwendigkeit von Bildung nicht ernsthaft in Frage gestellt.
Nicht überall ist das so. Zu viele Menschen haben kein Verständnis für die Bedeutung von Bildung. Da gibt es andere Dinge, die zu erst kommen: Wie bekomme ich meine Familie satt? Wie halte ich meine Kinder warm? Wie überleben wir den nächsten Tag? Die eigenen Kinder in die Schule zu schicken, scheint lächerlich, wenn diese doch auch helfen könnten, die Familie zu ernähren.

Dass Bildung die Erlösung aus dieser Misere ist, ist vielen Menschen, die in extremer Armut leben, einfach nicht bewusst. Deshalb gilt es dieses Bewusstsein zu verändern.

Die Millenniumsziele

Das haben sich auch die Vereinten Nationen zur Aufgabe gemacht – In den Millenniumszielen, die 2000 von den Vereinten Nationen zusammen getragen wurden, wird Bildung immer wieder als Grundstein, für alle anderen zu erreichenden Ziele erkannt.

Die acht entwicklungspolitische Ziele, die formuliert wurden, sollen die extreme Armut in der Welt verringern und bis 2015 halbieren. Extreme Armut beschreibt zum Einen Menschen, die mit weniger als einem Dollar am Tag ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen und zum anderen den Mangel von Chancen und Möglichkeiten im Leben.

Die acht Ziele lauten wie folgt:

      1. Bekämpfung extremer Armut und Hunger
      2. Primäre Schulbildung für alle
      3. Gleichstellung der Geschlechter
      4. Senkung der Kindersterblichkeit
      5. Verbesserung der Gesundheitsversorgung der Mütter
      6. Bekämpfung von HIV/Aids und Malaria und anderen schweren Krankheiten
      7. Ökologische Nachhaltigkeit
      8. Aufbau einer globalen Partnerschaft für Entwicklung

Gleiche Bildungschancen für alle Kinder, Mädchen und Jungen, ist ein essentielles Menschenrecht, denn nur durch Bildung und den in Schulen erlernten Fähigkeiten, kann man das Weltgeschehen verstehen und eigene Chancen und Möglichkeiten wahrnehmen.

Das Ziel der UN ist also wichtig und unumgänglich, um Armut auf der Welt zu verringern. Bis 2015 sollen alle Kinder ein geschult sein und wenigsten mit einer primären Schulausbildung, die Schule verlassen.

Zu dem spielt das zweite Millenniumsziel eine zentrale Rolle im Kampf gegen die Armut. Wie kein anderes der acht Ziele, liegt es dem Erfolg der Umsetzung der Millenniumsziele zu Grunde.



Bildung als Voraussetzung

I.) Bekämpfung Extremer Armut und Hunger

Es ist bewiesen, dass es einen Zusammenhang zwischen Bildungsstand und Hunger gibt. Der Besuch einer Schule bildet und verleiht Fähigkeiten und Verständnis, die wichtig sind für das spätere Leben. Durch eine gute Ausbildung hat man deutlich bessere Chancen auf einen guten Job und damit auf eine bessere Versorgung.

III.) Gleichstellung der Geschlechter

Mit dem dritten Milleniumsziel (Gleichstellung der Geschlechter) ist das Bildungsziel wohl am engsten verbunden. Das Geschlechtergefälle in Primär- und Sekundarschulbildung zu beseitigen, ist ein besonders wichtiger Teil der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit. Die Vernachlässigung von Mädchen und Frauen ist leider auch heute noch ein aktuelles Thema und kein Land kann Armut nachhaltig bekämpfen, wenn die Hälfte seiner Bevölkerung benachteiligt wird und nicht die gleiche Möglichkeiten geboten bekommen,wie Jungs. Das Verständnis für Gleichstellung und Gleichbehandlung wird schon durch die früh-kindliche Erziehung maßgebend beeinflusst und so kann es nur durch Bildung zu einem sozialen Wandel in der Gesellschaft kommen.

IV.) Senkung der Kindersterblichkeit

In vielen Entwicklungsländern ist die Kindersterblichkeit noch sehr hoch; viele Kinder überleben ihr fünftes Lebensjahr nicht. Es hat sich aber gezeigt, dass Kinder gebildeter Eltern höhere Überlebenschancen haben. Durch die Schule haben die Elternteile mindestens grundlegendes Wissen und Training zum Thema Gesundheit erhalten und gesammelt. Besonders der Bildungsstand der Mutter hat einen großen Einfluss auf die Überlebenschancen des Kindes. Eine primäre Bildung hat einen deutlich positiven Effekt auf die Gesundheit des Kindes, eine sekundär Schulbildung noch stärker.

V.) Verbesserung der Gesundheitsversorgung der Mütter

So ähnlich verhält es sich auch bei dem fünften Millenniumsziel; die Verbesserung der Gesundheitsversorgung der Mütter. Durch die Schule und Unterricht zum Thema Gesundheit sind sich Frauen über Möglichkeiten und Bedürfnissen während einer Schwangerschaft bewusst. Eine Schwangerschaft unter ärztlicher Beobachtung oder den Wunsch nach medizinischer Versorgung zu äußern, wird von gebildeten Frauen öfter in Anspruch genommen. So entbinden Freuen mit einer Schulausbildung auch öfter mit medizinischer Unterstützung, als Frauen ohne. Zusätzlich werden gebildete Frauen durchschnittlich später schwanger und somit verringert sich auch die Möglichkeit einer Risikoschwangerschaft wie bei jungen Frauen.

VI.) Die Bekämpfung von HIV/Aids und Malaria

Die Bekämpfung von schweren Krankheiten fängt durch die Vorbeuge durch Aufklärung an. Das Bewusstsein von Risiken und Schutzmaßnahmen sind unerlässlich bei der Bekämpfung von HIV, Malaria und ähnlich schweren Krankheiten. Zusätzlich wird durch Bildung über Behandlungsmöglichkeiten informiert und Stigma bekämpft.

VII.) Ökologische Nachhaltigkeit

Ökologische Nachhaltigkeit fängt natürlich auch schon in der Kindheitserziehung an. Wenn von früh an schon ein Umweltbewusstsein vermittelt wird, kann man die Verschmutzung und Zerstörung der Umwelt vorbeugen. Denn zu oft leidet die die Umwelt durch Unwissen und fehlenden Bewusstsein für anderer Optionen.

VIII.) Aufbau einer globalen Partnerschaft für Entwicklung

Der achte Punkt bezieht sich zwar eher auf westliche Industrieländer, um diese zu fairen Partnerschaften und Beziehungen zu anderen Länder zu bewegen, aber auch hier könnte ohne gebildete Menschen und das Wissen über andere Nationen nicht viel getan werden.

Schwierigkeiten bei der Umsetzung

Mit ausreichender Bildung kann also vieles erreicht werden und nur durch Bildung kann auch für dauerhafte Bekämpfung von Armut gesorgt werden.
Zu oft wird dieses Millenniumsziel allerdings unterschätzt und es ist auch nicht einfach all das umzusetzen, was sich die UN vorgenommen hat (das eigentliche MDG 2 kann auch bis 2015 nicht eingehalten werden). Es stehen noch einige Probleme der Bildung für alle im Weg.

Zum einen sinkt das Interesse der Staaten Geld in primäre Bildung zu investieren. Der finanzielle Fokus einiger Staaten verschiebt sich immer mehr auf die Sekundarschulbildung, was sich auf die Dauer nicht rentieren wird, wenn es keine gute grundlegende Schulbildung gibt.
Zusätzlich haben die Menschengruppen, die besonders von neuen Bildungschancen profitieren würden, oft keine oder einen schlechten Zugang zu Bildung. Zu diesen Menschengruppen zählen Minderheiten, Slumbewohner, sehr ländlich gelegene Gemeinden, Arme, Behinderte und Menschen, die spezielle Lernmethoden brauchen.
Zu dem erhalten Kinder dieser Gruppen, Bildung schlechterer Qualität aus Mangel an ausgebildeten Lehrern, Materialien und Unterbringung.

Bildungssituation in Indien

Das indische Bildungssystem ist leider kaum einheitlich zu betrachten. Zwar gibt es seit 1986 eine landesweite Grundstruktur der Schulausbildung (10+2), doch die Zuständigkeit im Bereich der Bildung liegt – ähnlich wie in Deutschland - bei den einzelnen Staaten.
Im Hinblick auf die katastrophalen Zustände im Bildungssektor (vor allem im internationalen Vergleicht) verabschiedete die indische Regierungen das „Right to Education Bill“. Acht Jahre Elementarbildung sind von nun an verpflichtend und der Zugang zu Bildung für Kinder im Alter von sechs bis 14 Jahren kostenlos.
Zudem wurde auch festgelegt, dass die Ausgaben für den Bildungssektor von 3% der BIPs stufenweise auf 6% des BIPs erhöht werden sollen.


Durch all diese Maßnahmen ist auch schon ein positiver Trend zu verzeichnen. Anhand der Daten des Zensus in Indien aus den Jahren 2001 und 2011 sind bemerkenswerte Veränderungen in den Alphabetisierungsquoten zu erkennen. So lag sie 2001 noch bei 65%, ist sie bis 2011 auf 74% gestiegen. Trotz alledem bestehen immer noch gravierende Gefälle im Hinblick auf Männer und Frauen, aber auch hinsichtlich der Staaten.

  1. Gefälle der Alphabetisierungsrate zwischen Männer und Frauen:
Männer: 82%
Frauen: 65%
  1. Gefälle der Alphabetisierungsrate zwischen ländlichen Gebieten und den Städten:
urban: 80%
ländlich: 59%
  1. Gefälle der Alphabetisierungsrate zwischen den Bundesstaaten:
Kerala: 93%
Tamil Nadu: 80%
Bihar: 63%

Es zeigt sich also, dass Programme und Finanzierungen zwar greifen, dass für eine dauerhafte Besserung jedoch regionale Unterschiede und Begebenheiten berücksichtigt werden müssen. Dies ist wohl das größte Problem Indiens. Bei einer Bevölkerung von über 1,2 Milliarden funktionieren landesweite Maßnahmen nicht für alle Bundesstaaten.

REAL und das zweite Millenniumsziel

Dass ohne Bildung keines der Millenniumsziele tatsächlich umsetzbar ist, ist deutlich. Auch unsere NGO REAL befasst sich eingehend mit diesem Thema und setzt sich zusammen mit der KKS für Bildung in armen und ländlichen Gegenden ein. In dem Projekt 'School Education instead of Child Labour' im Cuddalore Distrikt, indem wir arbeiten, geht es genau darum.

Zwar werden in der indischen Verfassung Kinderrecht zugesichert und der Staat hat Programme und Unterstützung gegen Kinderarbeit initiiert, erreichen diese doch oft nicht die eigentlichen Kinderarbeiter. Besonders im Cuddalore Distrikt gibt es besonders viel Ausbeutung von Kindern in der Landwirtschaft, die von Regierungsprogrammen übersehen wird.

Zusätzlich ist die Qualität der Bildung in diesen ländlichen Gebieten sehr gering, die auch durch die schlecht ausgerüstete Schulen und das nicht ausreichend ausgebildeten Lehrpersonal stark beeinflusst wird.

Die Eltern, oftmals selbst ungebildet, sind keine Unterstützung, denn die Tragweite der Bildung ihrer Kinder ist ihnen nicht bewusst. Das Verständnis, dass Kinderarbeit nicht der richtige Weg aus der Armut ist, sondern ein Teufelskreis, ist nicht vorhanden.

Die drei Ziele

Genau das steht der Entwicklung und der Besserung der ärmlichen Verhältnisse (nicht nur) im Cuddalore Distrikt im Wege.
REAL hat drei Ziele klar formuliert, um 'Bildung für alle' auch in entlegenen Dörfern zu garantieren und Ausbeutung von Kindern zu verhindern.

  1. Kinderarbeit verringern und letztlich komplett verhindern.
  2. Senkung der Zahl von Schulabbrechern
  3. Sicherung der Kinderrechte durch Aufklärung und Sensibilisierung

Zur Durchsetzung dieser Ziele, hat REAL (mit Unterstützung der KKS) in den letzten 2 ½ Jahren viel getan.

Um ehemalige Kinderarbeiter wieder in das Schulsystem integrieren zu können, wurden 'Resdential Bridge Course Center' eingerichtet, die sich speziell diesen Kinder annimmt. Durch das Verlassen der Schule, haben diese Kinder natürlich große Defizite, die aufgeholt werden müssen bevor man sie wieder in altersgerechte Klassen einschulen kann. 



Durch 'Supplementary Education and Recreation Centers' wird die Zahl der Kinder, die die Schule besuchen, gesteigert und mögliche Drop-Outs (also Schulabbrecher) vorgebeugt. Auch wir sind besonders Teil dieses Programmes, denn unsere Tutionclass gehört zu den SERC. Die kreative Beschäftigung der Kinder und das Vertiefen des Unterrichtstoffes am Nachmittag, soll Spaß machen und das Interesse an der Schule aufrecht erhalten. Auch helfen die Center bei der Erkennung von potenziellen Drop-outs, denn das wiederholte Nicht-Erscheinen deutet auf ein erhöhtes Schulabbrechungs-Risiko hin und REAL-Mitarbeitern können direkten Kontakt mit der Familien aufnehmen.



REAL führte über die letzten Jahre auch 'Children Parliaments' ein, die Schülern in der Mittel- und Oberstufe ein Diskussionspodium bieten. In den Parlamenten werden verschiedene Minister gewählt, die, zum Beispiel, die Gesprächsführung übernehmen oder sich besonders einem Thema annehmen. Hier haben die Kinder die Möglichkeit sich über Probleme, die sie in der Schule oder zu Hause haben, auszutauschen und gemeinsam Lösungen zu finden. Durch diese Treffen lernen die Schüler eine aktive Rolle in ihrem Umfeld einzunehmen und die Bedürfnisse von Kindern auch außerhalb dieser Parlamente zu verlauten.

Für die jüngeren Schüler an der Grundschule gibt es sogenannte Eco-Clubs, die die Kinder über ihre Rechte aufklären und durch das Pflanzen und Imstande halten eines Schulgartens auch Verantwortungsgefühl und Umweltbewusstsein vermitteln.

Um, besonders weibliche, Drop-Outs zu verhindern, wurde auch die Hygiene in Schule durch Toilettenkonstruktionen verbessert, denn all zu oft verlassen Mädchen die Schule, wenn die Menstruation einsetzt. 



Dass die Kinder auch von zu Hause in ihrer Schulbildung unterstützt werden, ist natürlich besonders wichtig und so beschäftigt sich REAL auch mit der Stärkung von Parent-Teacher-Associations (also das Forum für Lehrer und Eltern). Durch die Bereitstellung von Räumlichkeiten und einem Angebot an Trainings, werden auch Eltern in die Bildung ihrer Kinder miteinbezogen und entwickeln so ein besseres Verständnis für das Thema Schule.

Zusätzlich werden Gemeinden, und besonders Eltern, durch 'Awareness Campaigns' für Themen wie Kinderarbeit und Schulbildung sensibilisiert. So wird wiederum das Verständnis in der Familie, und sogar in der Dorfgemeinschaft, für die Wichtigkeit von Bildung bestärkt.

Besonders bedeutend ist, dass dem Projekt von REAL tatsächlich mit den Menschen und Kindern gearbeitet, denn nur gemeinsam kann man etwas verändern. Ein aufgezwungener Wandel von oben wird nie dauerhaft zu Erfolg führen.
All diese eingeführten Initiativen unterstützen die Millenniumsziele der Vereinten Nationen und unterstreichen damit auch besonders die Bedeutung von Bildung.
Nur durch Wissen und Aufklärung, kann man die sozialen Ungerechtigkeiten dieser Welt bekämpfen und das fängt eben schon im Klassenzimmer an.

Mittwoch, 6. März 2013

Neues aus der Schule

Hallo ihr Lieben,

in den letzten Monaten haben wir ja viel über unsere Stunden mit der unserer Tutions Class geschrieben, aber eigentlich noch nie über unseren Unterricht in der Schule.
In erster Linie lag das daran, dass der Unterricht in der Schule deutlich routinierter und nicht so spektakulär ist. Die ganze Atmosphäre und die Räumlichkeiten lassen nicht viel Platz für große Bastelaktionen oder Spiele, und außerdem sind unsere Kinder dort auch um einiges älter und können besser Englisch.
Aber heute holen wir mal etwas zum Thema Schule nach.


Arunachalam Hindu Middle School, Kanattam Puliyur...

... So heißt die Schule zu der wir täglich (Montag bis Freitag) fahren. Dazu nehmen wir jeden Tag den öffentlichen Bus und fahren etwa 20 bis 25 Minuten über die Felder und durch die Dörfer Tamil Nadus. Natürlich haben wir auf unsere täglichen Strecke schon einen Bekanntheitsgrad erreicht und wenn wir die Fragen von "Neulingen" im Bus, die gerne wüssten warum jetzt zwei weiße Mädchen mitfahren, aufgrund sprachlicher Barrieren nicht verstehen,  können die anderen und  bestens informierten Fahrgäste Auskunft geben. Meistens fahren die selben Leute mit und auch wenn wir uns nicht unterhalten können, haben wir zwei Freundinnen im Bus gemacht, die liebend gerne auch mal auf unsere Tasche aufpassen wenn wir keinen Sitzplatz haben.

Sind wir dann in Kanattam Puliyur angekommen, werden wir meistens von zwei Schülern vor der Schule empfangen, die dann unser Körbchen mit dem Mittagessen entgegennehmen und mit uns in die Schule gehen. Die sieht im Übrigen so aus:






I will be a JCB Operator

Jeden Tag haben wir eine unserer drei Klassen für 2 1/2 Stunden. In den letzten Monaten haben wir unter anderem Einheiten über Fragewörter, Verben, Lieblingsfarben/-Tier etc.,  Adjektive und Weihnachten gemacht oder auch Einkaufen geübt. Damit unsere Kinder aber später auch mehr über sich erzählen können, haben wir mit unseren Klassen über die Zukunft und Berufe gesprochen.
Zunächst haben wir Berufe gesammelt und dann durfte jedes Kind ein Bild von seinem Traumjob malen. Anschließend musste dies jeder vorstellen mit dem Satz "I will be a..." und seinen Nachbarn fragen "What will you be?".
Unter der Sammlung von Berufsbezeichnungen waren auch einige dabei, die uns neu waren. Ein JCB Operator zum Beispiel ist ein Bagger-Fahrer, mit dabei waren auch Rocket Scientist und Collector.
Geschlechtsspezifische Trends waren auch zu erkennen, so wollten fast alle Mädchen Ärztinnen oder Lehrerinnen werden, während die Jungs Fahrer, Bauern oder Polizist werden wollten.
Am Ende haben wir dann alle Bilder an die Wand - oder besser die "Wall of Dreams"- gehangen.






Toilet Function

Ende des letzten Jahres war es in den Zeitungen zu lesen: Die indische Regierung hatte beschlossen, dass an allen Schulen bis zum März 2013 Toiletten errichtet werden müssen. Die Toiletten-Situation an indischen Schulen ist nämlich leider mehr als mangelhaft. An vielen Schulen gibt es gar keine Toiletten und wenn sind in so einem schlechten Zustand, dass sie de facto nicht benutzbar sind.
Im Kampf gegen Schulabbrüche hat REAL dieses Problem schon früher erkannt. Denn ein Grund dafür, dass Mädchen ab dem jugendlichen Alter aufhören die Schule zu besuchen liegt an den unzureichenden sanitären Anlagen.
Im Zuge des REAL-KKS-Projekts School Education instead of Child Labour  (in welchem wir mitarbeiten), werden schon seit einiger Zeit Toiletten an Schulen errichtet. Und in den letzten Monaten auch an unserer Schule.

Die Eröffnung wurde dann auch ganz groß gefeiert und es kam sogar ein Abgeordneter der lokalen Versammlung. Am nächsten Tag konnte man in den lokalen tamilischen Zeitungen sogar darüber lesen, inklusive einem Foto mit uns bei der Eröffnung.
Hier ein paar Eindrücke der Function....
Zunächst wurde der Ehrengast ganz feierlich empfangen:



Dann werden Öllampen angezündet:



Anschließend wird das Band durchgeschnitten und die Toilette von innen betrachtet:




Am Ende gab es noch Ehrungen, Reden wurden gehalten und die Schüler haben gesungen und getanzt.





Und von nun an können die Schüler eine 1A Toilette benutzen.


Liebe Grüße aus Indien,
Luise und Nora